Dutzende Tote bei schwersten pakistanischen Luftangriffen in Afghanistan seit Monaten
Pakistan hat die schwersten Luftangriffe in Afghanistan seit Monaten geflogen. Dabei seien in der Nacht zum Montag 29 Kämpfer getötet worden, teilte der pakistanische Informationsminister Attaullah Tarar mit. Die afghanische Taliban-Regierung erklärte dagegen, bei den Angriffen seien 36 Zivilisten getötet worden, darunter Frauen und Kinder. 163 weitere Menschen seien verletzt worden. Die Regierung in Islamabad verschärfte zudem ihr Vorgehen gegen afghanische Staatsbürger, die sich ohne Visum in Pakistan aufhalten.
Tarar sagte, bei den "Präzisionsangriffen" seien drei Ziele in den Provinzen Paktia, Paktika und Kunar zerstört worden. Die Offensive umfasse auch Einsätze am Boden in Grenzgebieten und richte sich gegen die militante Gruppe Jamaat-ul-Ahrar, die häufig mit den pakistanischen Taliban, den Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), in Verbindung gebracht wird.
Die Angriffe seien eine Reaktion auf einen Anschlag am Samstag, bei dem in der Stadt Karatschi drei Paramilitärs getötet worden seien, sowie auf Gewalt in den Grenzregionen, sagte der Minister.
Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid verurteilte die pakistanischen Angriffe und bezeichnete sie als "feigen Akt der Aggression". Sein Stellvertreter Hamdullah Fitrat ergänzte, in Paktia sei ein Dorf nach einem ersten Angriff erneut bombardiert worden, als sich Dorfbewohner für Rettungsmaßnahmen versammelt hätten.
Bei einem der Angriffe seien Bewohner eines Hauses, "darunter Kinder, ältere Menschen und Frauen", im Schlaf getötet worden, sagte ein Einwohner der Provinz Paktia, der 63-jährige Adam Khan, der Nachrichtenagentur AFP. In der benachbarten Provinz Paktika seien bei einem Angriff auf ein Haus sechs Menschen, die "sehr arm und hilflos waren", getötet worden, sagte der Gemeindevorsteher Amin Mangal.
Die pakistanischen Angriffe sind die folgenschwersten seit Mitte März, als beim Bombardement einer Drogen-Entzugsklinik in Kabul nach UN-Angaben mindestens 269 Menschen getötet wurden. Die Taliban sprachen von mehr als 400 Todesopfern bei dem Angriff, für den Pakistan die Verantwortung zurückwies.
Der Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern war Ende Februar eskaliert. Pakistan führt seither immer wieder Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan aus. Die Regierung in Islamabad beschuldigt die in Kabul herrschenden, radikalislamischen Taliban, bewaffneten extremistischen Gruppen Unterschlupf zu gewähren, die Anschläge in Pakistan verüben. Kabul weist das zurück.
Die pakistanische Regierung erhöhte am Montag zudem den Druck auf afghanische Flüchtlinge. Laut einer Anweisung des Innenministeriums, die AFP vorlag, soll vom 10. Juli "jeder afghanische Staatsangehörige, der sich ohne gültiges Visum in Pakistan aufhält, unverzüglich festgenommen werden". Unklar blieb zunächst, ob gegen die Festgenommenen Anklage erhoben wird oder ob ihnen die Abschiebung droht.
Pakistan hatte in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Menschen aus Afghanistan aufgenommen, die vor Gewalt und humanitären Krisen geflohen sind - von der sowjetischen Invasion 1979 bis zur Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021.
Unter Berufung auf die Zunahme von Angriffen startete die pakistanische Regierung 2023 eine massenhafte Rückführung von Afghanen. Seitdem wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 2,3 Millionen afghanische Staatsangehörige aus Pakistan zur Rückkehr gezwungen, darunter allein in diesem Jahr mehr als eine halbe Million.
Ch.Vogt--VZ