Neue russische Angriffe: Selenskyj beklagt unveränderte Haltung Moskaus zum Krieg
Russland hat nach Einschätzung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj seine Haltung im Krieg auch nach einem neuen diplomatischen Vorstoß nicht geändert. Kurz nach einer neuen Gesprächsrunde zwischen dem US-Sondergesandten Steve Witkoff und Kremlchef Wladimir Putin in St. Petersburg habe Russland "einen gezielten Angriff gestartet", erklärte Selenskyj am Donnerstag. "Das bedeutet, dass es keine wirkliche Änderung in seiner Haltung gegenüber all dem, was geschieht, gegeben hat." Ukrainische Behörden meldeten vier Tote durch russische Angriffe.
In Kiew war in der Nacht und am Donnerstag Luftalarm zu hören. Zwei Menschen wurden in der Hauptstadt getötet und 30 weitere verletzt, wie die Behörden mitteilten. In der östlichen Stadt Lozowa starben derweil zwei Frauen im Alter von 50 und 60 Jahren bei einem Angriff auf einen gut besuchten Markt. Dutzende weitere Menschen wurden auch in Lozowa verletzt.
Selenskyj erklärte im Onlinedienst Telegram, Russland habe ein Dutzend ukrainische Regionen in der Nacht angegriffen. Seit Mittwochabend habe Russland drei Wellen ballistischer Raketen auf Kiew abgefeuert, erklärte Selenskyj und sprach dabei von "russischen 'Menschenfreunden'". Witkoff hatte Putin nach der Freilassung des US-Bürgers Stephen Hubbard als einen "Menschenfreund" bezeichnet.
Dutzende Menschen seien verletzt worden, unter den Verletzten seien Kinder, erklärte Selenskyj. Er forderte die Verbündeten auf, "echten Druck" auf Moskau aufrechtzuerhalten und mehr Luftabwehrausrüstung zu liefern. Moskau sei durch die Lockerung der US-Sanktionen ermutigt und nutze "die Verzögerungen bei den Lieferungen von Luftabwehrsystemen durch unsere Partner eindeutig aus", betonte der Präsident mit Blick auf Washington.
Unterdessen wurden auch aus Russland Angriffe gemeldet. Laut dem Verteidigungsministerium in Moskau wurden 808 ukrainische Drohnen abgeschossen. 163 Drohnen steuerten laut Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin auf die russische Hauptstadt zu. Zwei Menschen wurden demnach verletzt.
Die Attacken folgten auf Gespräche zwischen Witkoff und Putin, nach denen US-Präsident Donald Trump sich zuversichtlich über ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs äußerte.
Witkoff hatte sich am Mittwoch in St. Petersburg mit Putin getroffen, nachdem er tags zuvor in Oslo mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj zusammengekommen war. Nach eigenen Angaben überbrachte er Putin "Ideen" für ein Ende des seit mehr als viereinhalb Jahren andauernden Kriegs.
Moskau zeigte sich anschließend zur Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Washington und Kiew bereit. Die von Witkoff übermittelten Vorschläge der Europäer und der Ukraine für eine Friedenslösung bewertete der Kreml aber kritisch.
Selenskyj selbst hatte ein Einfrieren der Frontlinie als einen möglichen ersten Schritt für eine Waffenruhe bezeichnet. Moskau schließt dies bislang aus und fordert vor einem Ende der Kampfhandlungen ein Abkommen. Russland besteht insbesondere darauf, dass sich die ukrainische Armee aus den von ihr kontrollierten Gebieten in der Region Donezk in der Ostukraine zurückzieht, was wiederum für Kiew inakzeptabel ist.
Die Treffen in St. Petersburg und Oslo fanden vor dem Hintergrund der jüngsten Spannungen zwischen Washington und Kiew statt. Die Ukraine wirft den USA vor, sich von dem angegriffenen Land abzuwenden und sich auf die Seite Moskaus zu schlagen.
Trump hatte Anfang Oktober eine Vereinbarung über die Lieferung russischen Diesels für den US-Markt bekanntgegeben. Dafür wurden US-Sanktionen gegen Russland gelockert. Das Abkommen stieß in der Ukraine und bei ihren Verbündeten auf scharfe Kritik. Die Vereinbarung wird als Versuch gewertet, die durch den Iran-Krieg hohen Kraftstoffpreise in den USA vor den Kongresswahlen am 3. November zu senken. Trump steht wegen der Kraftstoffpreise in den USA unter Druck.
Wegen des Vormarschs der russischen Armee müssen Familien mit Kindern auf Anordnung den ukrainischen Behörden die Städte Kramatorsk und Slowjansk im Osten des Landes verlassen. Das Gebiet der sogenannten verpflichtenden Evakuierung werde ausgedehnt und umfasse nun "alle Ortschaften der Ballungsräume Kramatorsk und Slowjansk", erklärte der Gouverneur der Region Donezk, Wadym Filaschkin, am Donnerstag auf Telegram. Die russische Armee greife beide Städte "jeden Tag" an. "Mit Kindern vor Ort zu bleiben stellt ein nicht zu rechtfertigendes Risiko dar", betonte er.
Kramatorsk und Slowjansk sind die zwei bedeutendsten Städte in der ostukrainischen Region Donezk, die noch unter ukrainischer Kontrolle sind. Der Kreml will die Region im Zuge seines Angriffskrieges gegen das Nachbarland vollständig einnehmen. Die russische Armee verbuchte dort zuletzt stetig Geländegewinne. Am Dienstag waren durch einen russischen Angriff in Kramatorsk vier Menschen getötet worden.
R.Billman--VZ