Waldbrände in Südeuropa: Zehntausende vor Feuern auf der Flucht
Die Waldbrand-Situation in Südeuropa nimmt immer dramatischere Dimensionen an. In Frankreich und Spanien mussten rund 90.000 Menschen vor den Flammen in Sicherheit gebracht werden, unter ihnen viele Urlauber. Während in Frankreich vor allem die Atlantikküste rund um Bordeaux betroffen war, wüteten in Spanien mehrere Feuer nahe der Hauptstadt Madrid und ein großes in der Provinz Guadalajara. Ministerpräsident Pedro Sánchez rief für zwei Regionen den "Notstand nationaler Tragweite" aus. Die EU schickte beiden Ländern Hilfe.
In Frankreich sind die südwestlichen Departements Gironde und Landes am stärksten von den Feuern betroffen, wo nach Behördenangaben rund 70.000 Menschen in Sicherheit gebracht wurden. Der "größte" Waldbrand wütete nach den Worten von Innenminister Laurent Nuñez in der Nähe der Bucht von Arcachon westlich von Bordeaux.
Für die Halbinsel Cap-Ferret wurde eine vollständige Evakuierung angeordnet. Zehntausende Menschen verließen das Gebiet auf dem Landweg sowie über Boote, die die Menschen über die Bucht von Arcachon brachten. Aus ganz Frankreich wurden Einheiten zur Brandbekämpfung entsandt. Feuerwehrchef Marc Vermeulen berichtete, dass die Flammen zeitweise zwischen 800 und 1000 Hektar Wald pro Stunde vernichteten.
Betroffen waren auch Campingplätze und Feriendörfer und somit auch zahlreiche Touristen. Für Touristen und Einwohner wurden Notunterkünfte in Schulen und Turnhallen eingerichtet.
"Ich weiß nicht, wie es um mein Haus steht", sagte die 90-jährige Maria Lalanne aus Lège-Cap-Ferret, die in einer Turnhalle in der Ortschaft Andernos Zuflucht gefunden hatte. In der Eile habe sie ihre Brille und ihr Hörgerät zurücklassen müssen, berichtete sie einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP.
Etwa hundert Kilometer weiter südlich brannten in der Nähe des Ortes Biscarrosse mehr als 2500 Hektar Fläche ab. Aus diesem Gebiet wurden 23.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Ein AFP-Journalist berichtete, dass dort nur noch Fahrzeuge der Feuerwehr auf einer Zufahrtsstraße unterwegs waren. Betroffen war auch die Stadt Partenis-en-Born. Ein Einsatz sei angelaufen, um die 8000 Bewohner in Sicherheit zu bringen, erklärten die Behörden am Freitag.
Hohe Temperaturen, starker Wind und die Trockenheit der Vegetation nach drei Hitzewellen befördern die Ausbreitung der Flächenbrände. Die Gegend an der Atlantikküste ist von Pinienwäldern geprägt, die derzeit knochentrocken sind.
Insgesamt gab es in Frankreich Innenminister Nuñez zufolge am Freitag 32 aktive Waldbrände unterschiedlicher Intensität. Seit Jahresbeginn brannten demnach 50.000 Hektar Fläche ab - etwa drei Mal so viel wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Angesichts der Waldbrände entsandte die EU nach Angaben einer Kommissionssprecherin drei Flugzeuge und zwei Helikopter der EU-Rettungsflotte nach Frankreich. Präsident Emmanuel Macron hatte die EU zuvor um Hilfe gebeten.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach dem französischen Präsidenten seine Anteilnahme aus. "Unsere Gedanken sind bei den Betroffenen sowie den Einsatzkräften", schrieb er auf Französisch im Onlinedienst X. "Wir sind bereit, Frankreich im Rahmen des EU-Mechanismus zu unterstützen", fügte er hinzu.
Zudem wurden den EU-Angaben zufolge vier Canadair-Flugzeuge nach Spanien geschickt. Madrid hatte die Flugzeuge über den Katastrophenschutzmechanismus der EU angefordert.
In dem Land kämpften die Einsatzkräfte gegen mehrere Waldbrände in der Region um Madrid. Hier waren bereits zuvor 19.000 Menschen aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen oder Fenster und Türen geschlossen zu halten. Später kamen noch einmal 7000 weitere Menschen westlich von Madrid hinzu.
Zwei der drei Feuer westlich der spanischen Hauptstadt schlossen sich nach Angaben der Regionalregierung am Freitag zu einem einzigen Großbrand zusammen. Das Flammenmeer dringe in Richtung Navas del Rey rund 50 Kilometer vom Stadtrand von Madrid entfernt vor. Die Flammen seien "außer Kontrolle". Weitere Dörfer würden evakuiert.
Ministerpräsident Sánchez bezeichnete die Waldbrand-Situation in Spanien und in den Nachbarländern als "dramatisch" und erklärte, die Regierung setze "alle verfügbaren" Mittel ein. Die Brände im Umland von Madrid seien die schlimmsten in der Geschichte der Region, erklärte Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso.
Wegen der Waldbrände rief die spanische Regierung am Donnerstagabend für zwei Regionen den "Notstand nationaler Tragweite" aus. Dieser gelte ab sofort für die Hauptstadtregion Madrid sowie in der nahegelegenen Provinz Ávila, teilte das Innenministerium mit. Durch die Ausrufung des Notstands kann der Staat mehr Mittel und Gelder im Kampf gegen die Flammen mobilisieren.
Unterdessen warnte ein Vertreter der Regionalregierung von Kastilien und León davor, dass zwei weitere Feuer miteinander verschmelzen könnten. Dabei handele es sich um einen 6000 Hektar umfassenden Brand in der Region Madrid und einen 9000 Hektar großen in Kastilien und León, erklärte er. "Das sind sehr schlechte Nachrichten".
Im Zusammenhang mit dem Feuer in Kastilien und León wurde am Freitag ein Mann festgenommen, der für den Brand verantwortlich sein soll. Er habe eine landwirtschaftliche Maschine in einem Gebiet eingesetzt, in dem das streng verboten gewesen sei, erklärte der Zivilschutz. Die Maschinen hätten Funken erzeugt, durch die der Brand vermutlich entzündet wurde.
"Der Rauch war unglaublich dicht", berichtete José Cobos, der mit seiner Frau und drei Hunden aus seinem Haus südwestlich von Madrid geflohen war, im Sender Antena 3. "Man konnte nicht atmen." Nun warte er ab, ob das Feuer sein Haus verschone.
Der größte aktive Brand wütete allerdings weiterhin in der Provinz Guadalajara, etwa 100 Kilometer nördlich von Madrid. Hier sind binnen einer Woche rund 32.000 Hektar Land verbrannt.
Daneben kämpften auch in Italien Einsatzkräfte gegen die Flammen. Betroffen waren vor allem die Mittelmeerinsel Sizilien und die Region Kalabrien. Allein auf Sizilien wüteten am Freitag dutzende Feuer.
Wissenschaftlern zufolge verstärkt der menschengemachte Klimawandel die Länge, Intensität und Häufigkeit extremer Hitze, die wiederum günstige Bedingungen für die Ausbreitung von Waldbränden schafft und die Löscharbeiten erschwert.
N.Neumann--VZ